LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Wort des Monats

 

Quisel

Zwar auch eine Jungfer (Hufeisen-Azurjungfer (Coenagrion puella)), aber bestimmt keine Quisel

Auch wenn das Wort, wie dieses Wörterbuch beweist, offensichtlich noch oft zu hören ist, stammt die Quisel (auch Quesel oder Quissel) aus einer Zeit, in der eine Frau nur dann gesellschaftliche Anerkennung fand, wenn sie verheiratet war. Andernfalls wurde sie eben eine Quisel, eine alte Jungfer, die über ihr mannloses Schicksal in einer von Männern dominierten Welt im Alter verbittert und zu einer zänkischen und immerfort nörgelnden Person geworden war, die an allem und vor allem jedem etwas auszusetzen hat. Oft wurde sie auch, mehr aus Frust als aus Gläubigkeit, eine frömmelnde Betschwester.  Das abgeleitete Adjektiv quiselich bedeutet deshalb auch folgerichtig „kleinlich, unangenehm“. 

Glücklich die heutige  Zeit, in der Frauen sich nicht mehr über ihre Männer definieren müssen. Dabei war Quisel ursprünglich nicht nur auf Frauen bezogen. In den Mundarten des Rheinlands konnte so auch ein quirliger, beweglicher Mann oder ein Kind genannt werden. Und im Niederländischen gibt es sowohl die kwezel (Betschwester) als auch den kwezelaar (Frömmler, Mucker), während im Bergischen Land die ultimative Beleidung für einen Mann die AnredeDu ahler Quisel  (weibischer Mann) ist. Der Hinweis auf das Niederländische bedeutet nicht unbedingt, dass es sich bei der Quisel um ein Lehnwort handelt, aber kwezel und Quisel und auch das entsprechende westfälische Quiesel (Nonne, Betschwester) haben mit Sicherheit eine gemeinsame Wurzel. Im Mittelniederländischen ist das Verb queselen belegt, das „Kleinigkeiten, Nichtigkeiten tun“ bedeutet. Daraus haben sich später die Ableitungen „nichtsnutziger Mensch, Schwätzer“ entwickelt, die im Rheinland dann zu weiblichen Merkmalen geworden sind und das Bild der bigotten Nörglerin geformt haben. Ein schönes Beispiel dafür, dass Sprachgeschichte auch Sozialgeschichte ist.

Bild: Wikipedia, Fotograf Tobias Knab