LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Wort des Monats

verschütt gehen

Was so alles verschütt geht... 

Jetzt ist Reisezeit, und der Autor weiß aus eigener leidvoller Erfahrung, was auf Flughäfen alles verschütt gehen kann und dann in solchen Fundbüros wie dem obigen landet.

Wenn etwas oder jemand verschütt gegangen ist, dann ist er, sie oder es verschwunden: Der Koffer ist auf dem Flug nach Malle verschütt gegangen. Der neue Regenschirm is auch schon wieder verschütt gegangen. Der is beim Zug durch die Gemeinde gestern abend verschütt gegangen und nich wieder aufgetaucht. Die drastischere Variante ist heute nicht mehr so häufig zu hören: Die sind im Krieg verschütt gegangen (gestorben).  

Nach einer oft zu hörenden und auf den ersten Blick nahe liegenden Ansicht stammt das Wort aus der Bergmannssprache. Die „verschütteten“ Bergleute der großen Bergwerkskatastrophen in den sechziger und siebziger Jahren sind noch im öffentlichen Bewusstsein verankert. Doch auch wenn man verschütt im heinischen Wörterbuch unter schütten „gießen“ findet, hat es wohl nicht die Bedeutung „verschüttet“. Es ist damit auch nicht in den rheinischen Mundarten verankert, sondern ein Import aus der überregionalen Umgangssprache. Wo die es allerdings her hat, ist eine interessante Frage. Unbestritten ist, dass verschüttauf das niederdeutsche Wort schutten/schüttenzurückgeht, das „einsperren, pfänden“ bedeutet. Der Schutter war früher ein Feldhüter, der entlaufenes Vieh einfing und in einem Pfandstall so lange einsperrte, bis es von den Besitzern ausgelöst wurde. Die Viecher waren verschütt gegangen.   

Das Wort hätte aber wahrscheinlich nicht den Weg in die Umgangssprache gefunden, wenn es nicht ein wichtiges Wort der Gaunersprache geworden wäre. Im Rotwelschen ist daraus nämlich der Verschüttgeworden, eines der vielen gaunersprachlichen Worte für die „Haft“; verschütt gehen eben die Ganoven, die sich haben erwischen lassen. Und da die Eingesperrten damit erst mal für eine Weile verschwunden sind, erklärt sich unser alltagssprachlicher Gebrauch. Wieder einmal war hier offensichtlich das Rotwelsche der Umweg, über den ein Wort in die Umgangssprache gelangt ist. (Der öfter zu lesende Verweis auf das tschechische „chudy“ für „arm“ ist in diesem Zusammenhang wohl überflüssig).

 

 

Bildnachweis: Von Bundesarchiv, Bild 183-M0125-421 / Franke, Klaus / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5435091