LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Die Jagd nach den Wörtern

 

Wie kommen die Einträge in das Mitmachwörterbuch zustande, wie "findet" man überhaupt geeignete Wörter, wo hört man und wie "erkennt" man sie?

Der langjährige Mitautor und Redakteur des Mitmachwörterbuchs Purodha Blissenbach hat dazu einen - persönlichen - Erfahrungsbericht geschrieben, der dazu ermuntert, aufmerksam hinzuhören:

 

 

Ich achte auf die Wörter, nicht die Worte

 

"Schlapphut" für ein Wörterbuch

  

Als Rheinländer interessiere ich mich für das Mitmachwörterbuch des  "Rheinischen" und schicke gelegentlich Wörter ein, die mir ein- oder aufgefallen sind. Wenn ich in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin oder in einer Wirtschaft sitze oder nur auf einer Parkbank, wo andere Menschen in der Nähe sind und miteinander reden, ich mache "lange Ohren" und versuche, mitzukriegen, was sie sprechen und vor allen, wie. Ganz oft, eigentlich meistens, sind es Rheinländer, die mehr oder minder rheinisch reden. Da ist die Mutter, die ihrem Mädchen sagt, es "soll sich nich übber die drei Sitze längsen" (herumflegeln, ausstrecken) im Zug von Köln Richtung Eifel, obwohl der am späten Vormittag recht leer ist. Im Gegensatz zu den Stoßzeiten, wo man auf dem Bahnsteig schon mal hört: "Laß uns jaaaanz vorn anne Tür komm, dat mer norren frein Sitz kriejen." Ein Mann telefoniert am Händy und die Art, wie er "Ja, daat haaab-isch dooch gemaacht." hinein spricht, läßt klar erkennen, daß er aus dem südlichen Großraum Aachen stammen muß. Und weil sein Gesprächspartner scheinbar keine Ruhe gibt und immer wieder neue Beschwerden losläßt, hört man den Mann ein halbes Dutzend Mal "ävver..." (aber) einwenden. Offenbar vergeblich, er kommt nicht mehr zu Wort. "Kannz misch mal die Sävijätt...?"bleibt auch unvollendet, aber diesmal, weil die Serviette schon beim Fragenden im Restaurant angekommen ist, ehe er zu ende sprechen konnte. Auch typisch rheinisch, da abzubrechen, wo es nichts mehr zu sagen gibt, und wenn es mitten im Wort ist. 

Vieles versteht man nicht, wenn man die Wörter nicht kennt, die oft aus der Mundart stammen. Mit "Mundart" sind die Mundarten oder Dialekte gemeint, von denen man praktisch in jedem Dorf und jeder Gemeinde oder Stadt einen eigenen findet. Zwischen Emmerich und Koblenz sind das tausende. In die rheinischen Umgangssprache übernommen haben die Menschen davon eher die Wörter, die in ähnlicher Form in etlichen Dialekten anzutreffen sind. "Dat is nur Frack, dat is nur Frack, ruft ihre Mutter, als die Tochter überhaupt nicht darauf hört, daß sie im Lokal nicht unter den unbesetzten Tischen herumlaufen soll. "So lang se noch drunter duchpaß, laßße doch ihrn Spaß ham," wiegelt ein Verwandter ab. Wer bei "Frack" an ein formelles Kleidungsstück denkt, hat wohl nichts verstanden. "Frack", ein Abkömmling des altsächsischen "wraka" und althochdeutschen "rahha," hat sich im Rheinland und den Niederlanden erhalten. Es bedeutet im Rheinischen "Widerspruchsgeist, Abgrenzung, Trotz" und einiges Ähnliche. Seit dem Mittelhochdeutschen wurde es schließlich "Rache" gesprochen, bis heute. Im Rheinland hat es sich in zwei Wörter unterschiedlicher Bedeutung auseinanderentwickelt. Hätte ein Einheimischer die Bedeutung des Worts "Frack" nicht gekannt, hätte er vielleicht zu seinem Nachbarn gesagt: "Wat die da sacht, da  krich ich kein Verstand dran." - eine andere Ausdrucksweise für "das verstehe ich sachlich überhaupt nicht" - "Verstehen" nicht im Sinne "von Verständnis haben", sondern im Sinn der verstandesmäßigen Analyse. Weil das Wort "Verstand" wenigstens im zentralen Rheinland zweierlei bedeuten kann, können Aussagen wie "Dat hat da jaa kein Verschtand," Rückfragen provozieren: "Wat meinze mit Verschtand, hat nix im Kopp odder verschteht Disch bloß nisch?" was ich mal von einem telefonierenden Mitreisenden aufschnappte. 

Apropos. Ich höre zwar, oft unvermeidlich, privaten Gesprächen zu. Aber ich interessiere mich nicht für vertrauliche Dinge, die da vielleicht besprochen werden. Ich achte auf die Wörter, nicht die Worte. So kommt es, daß ich oft schon nach kurzer Zeit weitgehend vergessen habe, wovon die Rede war. Doch ich habe ein Wort aufgeschnappt oder zwei, wie "nümpes", von dem ich dann später schaue, ob es bereits im Mitmachwörterbuch zu finden ist. Weil "nümpes" mir ins Bewußsein kam mit den zwei markanten Sätzen "un wat habbich davon gehapt - Nümpes" "un wat hadder mir gegeebn - nümpes" wußte ich, daß die Bedeutung ungefähr "nichts, was der Rede wert wäre"sein müßte. "Gewirkt habbich da für Nümpes" hat das noch bestätigt. So hätte ich das Wort nebst Bedeutung vorschlagen können, wenn das nicht schon jemand gemacht hätte. Nebenbei, "wirken" in der Bedeutung "werken, arbeiten" war mir schon aus dem nordwestlichen Bergischen und vom Niederrhein geläufig. "Nümpes" kannte ich nicht, man sagt es wohl nicht, wo ich herkomme, aber sehr viele Wörter sind mir natürlich von Kindesbeinen an geläufig. Daß sie ins Wörterbuch passen, fällt mir oft genug erst ein, wenn ich sie irgendwo höre und mir auffällt: Im hochdeutschen Standard sagt mans nicht. Ich fühle mich manchmal wie einer der legendären Schlapphüte im Trench aus Agentenfilmen. Auch wenn mir gar nichts daran liegt, Leute zu bespitzeln, wenn sich eine Gelegenheit bietet, höre ich mit. Bei Paaren und Familien ist das besonders einfach, die reden eigentlich pausenlos irgendetwas, laut genug, und das ist auch besonders ergiebig. Eltern und Großeltern benutzen untereinander die Umgangssprache. Geschliffenes Hochdeutsch hört man da sehr selten. Ulkig ist, wenn in Gruppen unterschiedliche Sprechvarianten zusammentreffen. "Och, ich bin heut so wat von malaad" wird mit "Omma gehd-es nich-so gut" von der Mutter ans Kind übersetzt, das "weisischdoch" mit einem Gesichtsausdruck sagt, der Bände spricht. Da läßt sich gelegentlich beobachten, wie Kinder absichtlich die Umgangssprache nutzen, sich von ihren Eltern oder Erwachsenen abzusetzen. "Willang isses noch?"nuschelt ein Kind, der Vater antwortet mit einem ganzen deutschen Satz: "Es dauert noch eine gute Stunde, bis der Zug in Siegen ankommt." "Wat haße gesacht?" Der Vater wiederholt die Antwort. ""Willang noch übber-ne Stunn?" (Wie lange noch, über eine Stunde hinaus?) und so weiter. Kinder sprechen zwar rheinisch, aber man merkt das eher an der Aussprache, als daran, daß sie besondere Wörter verwenden würden, die man im Hochdeutschen nicht kennt. Oft sind die dem Nachwuchs nicht mehr oder noch nicht geläufig. Eine Zehnjährige schaut mit der Mutter ältere Familienfotos an. "Was is das denn,?" deutet sie auf ein Foto, auf dem Verpackungen von Lebensmitteln zu erkennen sind, mit Aufdruck:  "Schichtkäse" Die Mutter erklärt, daß sie den damals gern auf Brot gegessen haben, eigentlich wie heute, nur daß jetzt "Quark" auf den Verpackungen stehe, die nicht mehr in der Nachbarschaft produziert werden. Damals waren sie von "umme Ecke paa Häuser odder Blocks weg" gekommen und darum wohl im lokalen Jargon beschriftet. Daß in Franken, Bayern und Österreich immer noch "Topfen" auf Quarkpackungen gedruckt  wird, erwähnt sie nicht, vielleicht weiß sie nichts davon. 

Wörter aus alten Handwerken tauchen schon einmal unerwartet in neuen Zusammenhängen auf, so bei zwei jungen Geschäftsleuten. Mit Laptops sitzen sie der Eisenbahn, besprechen Angebotstexte. "Dat hab ich mir gestern übber Stun'n zurechtgedängelt," sagt der eine, der daran jetzt nichts mehr ändern will. Bauern dengeln ihre Sensen mit einem speziellen Hammer, um sie scharf zu kriegen. Daß das Wort vielleicht mit etwas gewandelter Bedeutung ins Computerzeitalter hinein überlebt, spricht für  die Phantasie und Flexibilität der rheinischen Bevölkerung. 

"Wadd-n Klopper" kommentiert ein junger Mann eine Zeitungsmeldung über die angeblich neuste unflätige Äußerung eines Politikers. Daß der "Klopper" (Klopfer) eigentlich ein Gegenstand ist, mit dem man auf etwas haut (Fleischklopfer oder Teppichklopfer) ist ihm kaum bewußt, dieser "Klopper" hat sich längst zu einem eigenständigen Wort entwickelt, das kaum noch Bezug zum ursprünglichen Klopfen hat. Sein Nachbar und er "krijjen sich inne Köppe" (geraten in Streit) als dieser die Zeitungsmeldung als "Pillefitt" (oberflächlich, kaum von Bedeutung) apostrophiert.

Schön ist auch die Bemerkung: "Es kann sich ja als Plazjabeck bewerben gehn." Von der Schweiz über die Pfalz bis an den Niederrhein, weibliche Wesen werden am Westrand des deutschen Sprachgebiets oft mit einem sächlichen Artikel bedacht. In der Vorderpfalz habe ich "es Angela Mergel"? gehört für die Bundeskanzlerin. Auch in Schwaben kennt man "das Mädele" als Bezeichnung für eine erwachsene junge Frau. So auch hier. Die Frau, von der die Rede war, muß eine besonders lange Zunge besitzen, die sie auch gern mal ausstreckt, so daß andere sie sehen können. Dafür spricht jedenfalls die Idee, als Platzjabek zu gehen. Der Platzjabek ist/war eine Figur am Kölner Rathausturm, die auf den Alter Markt blickt und mit der Turmuhr gekoppelt war. Wie mir mein Vater erzählte, hat sie bis zu ihrer Zerstörung im zweiten Weltkrieg regelmäßig jede Stunde eine meterlange Zunge aus Stein ausgefahren. Damit ist der Sinn der vorhin zitierten Bemerkung wohl hinreichend erklärt. Wer jedoch aus der Fremde kommt und ohne das nötige Hintergrundwissen "Es kann sich ja als Plazjabeck bewerben gehen" hört, wird wohl auch mit Vermutungen und Raten nichts kapieren. Mit dem Platzjabek wollten die Ratsherrn Kölns dem Kallendrißer Paroli bieten, so erzählte mir mein Vater weiter, der bis zu seiner Zerstörung durch Bomben im Krieg an einem Haus gegenüber dem Rathaus an der Dachrinne beheimatet war. Der saß am Rand der Dachrinne, kölsch "Kall",rheinisch "Kalle", hatte seine Hose heruntergelassen und verrichtete seine Notdurft in dieselbe. Dabei streckte die muntere Steinfigur ganz beiläufig ihren "bläcken" - nakten - Hintern in Richtung Rathaus, was den Ratsherren wohl eine Antwort wert war.

Apropos "Kalle" - noch vor meiner Schulzeit bin ich oft mit meiner Oma "ins Dorf" gegangen. Dasselbe Dorf, in dem unsere Spaziergänge anfingen. Dabei wurde das eine oder andere Schwätzchen mit anderen Dorfbewohnerinnen gehalten. Meine Oma erzählte dann gern, daß sie schon mit diesem oder jener "jekallt"hätte. An und für sich sprach sie mit ihren Kindern und Enkeln nur das, was sie für Deutsch hielt, also tiefes Rheinisch. Mit ihrem Mann und im Dorf, mit ihresgleichen, redete sie nur Platt. Auf die Weise konnte ich das dortige Platt auch verstehen lernen, jedoch kaum, mich selber darin auszudrücken. Für mich gehörten die Schwätzchen und die schmalen Gassen, in denen sie oft stattfanden, eng zusammen. Da lief in der Mitte meist ein kleines Rinnsal aus Putzwasser oder Regenwasser, "de Sohd", und oben die Dachrinnen, "de Kalle". Darunter wurde "gekallt", auf der Gasse oder oben von Fenster zu Fenster. Kein Wunder, daß ich als Kind überzeugt war, daß das Kallen nach den Kallen benannt war, unter denen es sattfand. So dachte ich damals. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Die "Kall", die weiter südlich "Kandel" oder "Kendel" heißt, ist ein Abkömmling des Lateinischen und kommt heute noch im Italienischen vor als "Canale", im Deutschen als "Kanal", im Englischen als "channel" und bedeutete bei den Römern bereits einen von Menschenhand angelegten Ablauf für Wasser oder einen künstlichen Wasserlauf. Das Wort "Kallen" dagegen kommt aus dem Altsächsischen oder Altniederdeutschen und kommt heute noch im Englischen vor: "to call" bedeutet "rufen, anrufen, ansprechen" und dergleichen. Ähnlich oder gleich klingende Wörter sind also nicht unbedingt miteinander verwandt. 

Ein Wort ist mir derzeit nicht ganz klar. Ich habe gehört: "Die hatten en Kransiepen, da mußte alles neu gemacht werden, de Wände all un de Kacheln un wat nit all, och de Waschmaschien war hin." Ich vermute, mit "Kransiepen" oder "Kranensiepen", genau habe ich das nicht behalten oder nicht verstanden, ist ein defekter Wasserhahn gemeint, aus dem ordentlich Wasser gelaufen sein muß - genug, um eine Waschmaschne zu zerstören und Wände zu beschädigen. "Kran" oder "Kranen"ist der rheinische Ausruck für einen Wasserhahn. "Siepen" ist die nördliche Variante des südlicheren "Seifen" oder "Siefen". Das Bergische Land ist voll von Orten, Tälern, Wasserläufen und Quellen, die irgendwie mit "Seifen" oder "Siefen" heißen. Ein Siefen ist eine Quelle, ein Wasserlauf oder eine Menge Wasser, auch Regen. Ein Kölner hatte mit seiner Familie ein dauerverregnetes Wochenende am Meer verbracht und berichtete ungehalten: "Mer hatten en Holland einen Sief. Der hatte anjefangen, wie mer noch nich da waan un der wa noch nich am Ende, wie mer wider weg sin." Ob ein "Kranensiepen" tatsächlich den defekte Wasserhahn oder das Auslaufen des Wassers benennt, ist mir unklar. Ich hoffe, die Redakteure des Mitmachwörterbuchs können da weiterhelfen. Übrigens, "Holland" meint im Rheinischen die gesamten Niederlande von Nord bis Süd, nicht nur die vergleichsweise kleine Provinz Holland um Amsterdam herum.

Im rheinischen Duktus kommen auch neue Ausdrück aus dieser Zeit vor. Oft sprechen männliche Jugendliche sich untereinander mit "Bruder" an, auch wenn sie keine Einwanderer sind. Neulich sagte jemand in einer Unterhaltung in der Eisenbahn, was er fühlen würde, wenn er einen Unfall hätte und sich plötzlich im Rollstuhl finden würde: "Das Leben is game over - "

Damit will ich schließen und alle aufrufen: Wenn Sie können, machen Sie die Ohren auf, merken Sie sich rheinische Wörter und schlagen Sie sie fürs Mitmachwörterbuch vor.

 Purodha Blissenbach