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Alles ist reflexiv

Reflexiv gebrauchte Verben in der rheinischen Umgangssprache

(Der Aufsatz von Peter Honnen ist erschienen in "Alltag im Rheinland" (Mitteilungen der Abteilungen Sprache und Volkskunde des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte, Bonn 2011)) ?

Was darf die Umgangssprache: Alles! Sie ist das Experimentierfeld, auf dem ausgelotet wird, wie stark etwa die grammatischen Konventionen gedehnt oder sogar über Bord geworfen werden können, wie konsensfähig Regelverstöße in einer Sprachgemeinschaft sind und wie oder ob die Weichen für künftige Sprachentwicklungen gestellt werden.

Eine interessante Spielwiese in diesem Zusammenhang sind reflexive oder besser reflexiv gebrauchte Verben, die in der Umgangssprache sehr unkonventionell daherkommen können. Eine Durchsicht der Beispielsätze des Rheinischen Mitmachwörterbuchs, das die Sprachabteilung des ILR seit vier Jahren im Netz betreibt, und einiger Sprachblogs im Internet hat eine wirklich bunte Liste erbracht, die hier unter unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet werden soll. Dazu jedoch eine Anmerkung vorab: Von denjenigen, die wie der bekannte Dativjäger Sebastian Sick schon mit der reflexiven Verwendung der Verben „entschuldigen" und „erschrecken" Probleme haben, wird im Folgenden ein gehöriges Maß an Toleranz abverlangt, das am besten mit der kurzfristigen Aufgabe der Kategorien „richtig" und „falsch" zu erreichen ist (und bei der Beschäftigung mit der Umgangssprache eigentlich immer zu empfehlen ist).

Die erste Gruppe von reflexiv gebrauchten Verben ist auch die umfangreichste, die hier vorgestellt wird. Es geht um Sätze wie

Kuck ma, dat Ullich gofelt sich einen. (Schau mal, der Kleine raucht bereits). Da haben wir uns lecker wat gegessen. Der mampft sich da einen, da kannze nich hingucken! Komm, wir schnasseln uns ma en Likörken (trinken, sich schmecken lassen). Die ham sich kräftich einen durchgezogen (einen Joint geraucht). Trink dir doch noch en Bier, auf einem Bein kann man nich stehen. Die ham sich gestern kräftich einen geschäppt (stark getrunken).

Dazu kommen Wendungen, die man auch schon in standardnahen Zusammenhängen hören oder lesen kann: sich einen ballern, sich einen nehmen, sich einen trinken und sich eine rauchen. Gerade die letzte Variante scheint von vielen Sprechern und Sprecherinnen schon gar nicht mehr als umgangssprachlich wahrgenommen zu werden, wie die vielen Belege im Internet vermuten lassen (die Google-Suche nach sich eine rauchen mit den entsprechenden Varianten ergibt über 600 000 Treffer!). Überraschenderweise ist aber nicht der reflexive Gebrauch von „rauchen" im Universalwörterbuch des Duden-Verlags verzeichnet, sondern nur sich einen trinken/saufen (darunter auch die Variante der Wein trinkt sich gut), die, obwohl viel seltener belegt, als „salopp" oder „umgangssprachlich" aufgeführt sind.

Viele Menschen halten diese Reflexiv-Konstruktionen offensichtlich für typisch rheinisch, wie z.B. dieser Kommentator aus einem Sprachblog zu einem anderen, sehr selten reflexiv gebrauchten Verb: „Dachte, das wäre so ‘ne rheinische Formulierung wie ‚sich eine rauchen’, oder ‚sich ’ne Körriwurst essen’. ‚Sich einen kacken’ könnte doch astr(h)ein rheinisch für ‚großes Geschäft machen’ sein, od’rr." Auch der Wikipedia-Artikel zum Kölnischen Dialekt erklärt den Satz dä hat sij e Brüdche jejesse zu einer für das Zentralripuarische typischen Wendung. Die Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Wie wir noch sehen werden, gibt es keinen generellen „rheinischen Reflexiv" etwa analog zur „rheinischen Verlaufsform" (die auch nicht exklusiv rheinisch ist), denn auch Bayern oder Schwaben rauchen oder trinken sich einen, allerdings scheinen diese Formen nicht überall dialektbasiert zu sein. Ein Quercheck mit dem Frankfurter Wörterbuch und dem Pfälzischen Wörterbuch erbrachte jedenfalls keine Belege. Dagegen sind diese Formen in den rheinischen und westfälischen Dialekten durchaus heimisch, wie das Rheinische Wörterbuch oder das Westmünsterländische Wörterbuch zeigen. Dort findet man sich ene suppen (saufen), he schmokt sech ene (rauchen) und hier die schöne westfälische Redewendung He süpp sik in’n Fuusel donne un in sööte Melk weer nöchtern (er besäuft sich mit billigem Schnaps und trinkt sich mit süßer Milch wieder nüchtern). Auch wenn daraus nicht geschlossen werden kann, dass der reflexive Gebrauch dieser Verben auf die rheinischen Mundarten zurückzuführen ist, so zeigen die Belege doch, dass diese Verwendung keine jüngere Erscheinung der allgemeinen Umgangssprache ist.

Das gilt im übrigen auch für die oft „passivisch" genannten Reflexiva der Sorte das Bett schläft sich gut, der Saal singt sich bequem oder dat Kleid trägt sich gut. Diese Wendungen sind schon lange – besonders im Rheinischen – bekannt, wie eine alte Enquete zum Sprachgebrauch im deutsch-niederländischen Sprachraum aus dem 19. Jahrhundert belegt. Auch das Rheinische Wörterbuch verzeichnet wieder eine ganze Reihe von ähnlichen Formen, z.B. Em eige Bett schlöppt es sech nett oder auch he geht et sech schlech , dat Brut iss sech got, dat Riis bök sich schlech (das Reis lässt sich schlecht biegen) und sogar die Variante etwas wörd sech gegangen für „etwas wird begangen" ist möglich. Wie fährt sich dat Rat? ist eine Frage, die heute sowohl Dialekt- als auch Regiolektsprecher am Niederrhein ohne grammatische Bedenken im Alltag stellen. Moderne Grammatiker scheinen diese Reflexivkonstruktionen oft schon nicht mehr als grundsätzlich falsch anzusehen, sondern als mögliche Passiv-Äquivalente aufzufassen, auch wenn es wohl noch lange dauern wird, bis sie in der Duden-Grammatik auftauchen werden.

Diese Chance werden die folgenden Beispiele aus der rheinischen Umgangssprache wahrscheinlich nie haben: 

Et geht sich darum, dat du hier unerwünscht bis. Darum gehdet sich doch gar nich! Um wat gehdet sich denn sons?. Zieh bei Tante Marta bloß die Schuhe aus, die hat sich doch so mit ihrem Parkett! Der hat sich aber auch immer mit seiner dämlichen Karre. Damit haddet sich jetz abber, Schluss aus! Ich glaub et wohl, et hat sich wat mit Eis. Die han sich immer mitte Nachbarn. 

Denn diese Wendungen erscheinen gefühlt einen schon deutlichen Abstand zur Standardsprache zu haben. Dennoch überrascht, dass ein Google-Abruf zu es geht sich darum/um über 160 000 Treffer erbringt. Da alle diese Belege kein dialektales oder regiolektales Umfeld haben, wird die Wendung von vielen Schreibern oder Schreiberinnen offensichtlich als regelkonform angesehen und entsprechend genutzt. Dagegen sehen andere darin einfach nur falsches Deutsch, ihr Kronzeuge ist der populäre, aus Düren(!) stammende Stand-up-Comedian Dieter Tappert alias Paul Panzer, dessen charakteristische Begrüßungsformel „Panzer, ich begrüße Sie, es geht sich um folgendes" als bewusste Verletzung der Sprachnormen interpretiert wird. Doch gibt es im Internet auch viele User und Userinnen, die diesen Gebrauch wieder im Rheinland verorten wollen und damit einen dialektalen Hintergrund unterstellen. So nennt der Wikipedia-Artikel „Niederrheinisch" den reflexiven Gebrauch sich gehen um eine typische Erscheinung dieses Sprachraums, die darüber hinaus Parallelen zum Niederländischen aufweise, und auch im Wer-Weiß-Was-Board gilt er als rheinischen Ursprungs. Und in der Tat ist diese reflexive Verwendung von „gehen" auch im Rheinischen Wörterbuch dokumentiert: Et geht sich dröm sagt man in den Mundarten des zentralen Rheinlands und Niederrheins für „es handelt sich darum" , und im westlichen Rheinland sagt man auch dät jeet sich an’d Äng möt der Laade, wenn man das bevorstehende Ende beschreiben möchte.

Auch das reflexive „haben" ist in der allgemeinen Umgangssprache sehr gebräuchlich, heute allerdings eher in den festen Wendungen wie hat sich was!, hab dich nich so oder die sollen sich nich so haben. Die verzeichnet auch das Universalwörterbuch als allgemein umgangssprachlich. Selbst im „alten" Grimmschen Wörterbuch sind sie zu finden, wie überhaupt eine Durchsicht der dort gesammelten Belege den Anschein vermittelt, dass der reflexive Gebrauch von „haben" früher viel selbstverständlicher gewesen ist: „es hat mich kein hehl; habe dich doch nicht; ich habe mich übel gehabt; man hat sich wohl in seiner gegenwart; es hat sich auch nicht anders als dort" usw. Diese Formen erscheinen heute schon als recht exotisch. 

Der reflexive Gebrauch mit einem festen Bezug wie in dem obigen Beispiel mit Tante Marta ist dagegen überregional sehr selten. Aber auch hier kann man über einen „rheinischen" Gebrauch nur spekulieren. Zwar verzeichnet der „Neue Kölnische Sprachschatz" eine ganze Reihe von Anwendungsbeispielen: Wie mer sich went (gewöhnt), wie mer sich hät. Dat weed sich alt esu han und Eshät sech jät op der Welt, aber die sind eben nicht umgangssprachlich geworden, genau so wenig wie die schöne niederrheinische Wendung Hei hät sich wonders wie (spielt sich wer weiß wie auf). Auch im Rheinischen Wörterbuch finden sich ähnliche Belege (dat wird sich alt esu han (das kann man nicht beurteilen); he hät sech net ze wahl; et hät sich jet op der Welt, aber Wendungen mit es sich haben mit sind wohl im Rheinland nicht mundartlich verankert. Der auch im Duden als umgangssprachliche ausgewiesene Gebrauch von sich haben in der Bedeutung von „streiten" ist dagegen auch in den rheinischen Dialekten und im rheinischen Regiolekt bekannt: Die ham sich schon wieder mitte Nachbarn.

Für hochdeutsche Ohren völlig ungewöhnlich ist sicher der reflexive Gebrauch von „beten" (und dem hier nicht dokumentierten „beichten"):

Bisse still, die sin sich am beten, hier is inne Kirche.

Dabei ist diese Verwendung relativ einfach zu erklären. Hier scheint ein wenig Sprachgeschichte in der aktuellen rheinischen Umgangssprache durch, denn sich beten war im spätmittelalterlichen Rheinland sozusagen Standard und wird auch so in allen rheinischen und niederrheinischen Dialekten noch heute „beim Pflichtgebete…gebraucht": Häs do dich al jebät oder we sech gut bet, schlöpt gut. Moderne Sprecher oder Sprecherinnen in Köln benutzen die Wendung die sin sich am beten jedoch nur noch dann, wenn sie damit die tiefe Versenkung des oder der Betenden ausdrücken wollen.

Auch das ungewohnte reflexive „sein" scheint sich im rheinischen Regiolekt besonderer Beliebtheit zu erfreuen:

Dat is sich vielleicht en Dollen. Dat is sich son ganz Finningen. Et is sich wat frisch draußen. Dat is sich eins! Die sin sich eins.

Sein Zentrum ist nach diesen Einträgen im Rheinischen Mitmachwörterbuch das zentrale Rheinland, der Niederrhein und das Ruhrgebiet, soweit die Belege eine solche Eingrenzung erlauben. Das bestätigen auch die Fundstücke aus dem Internet, die alle in einen wie auch immer gearteten ruhrdeutschen Kontext stehen:

Dat is sich falsch. Dat is sich nich erlaupt. Dat is sich nich von mir! Dat is sich so: Sektflasche holen, Sekt inne Gläser… Dat is sich nich egal. Dat is sich nix mein Dingen.

Diese Internet-Belege scheinen jedoch eher Verweischarakter zu haben, sie werden offensichtlich bewusst gegen die Norm gesetzt und sind wohl nicht immer ganz ernst gemeint, wie ein weiteres lustiges Beispiel verdeutlicht, das eigentlich doppelt „ruhrpöttisch" ist: Dat is sich mein sein. Andererseits bestätigt diese Verwendung aber auch, dass der reflexive Gebrauch von „sein" tatsächlich als ein Merkmal des Ruhrdeutschen oder auch Rheinischen gesehen wird, denn sonst würden solche Zitate nicht funktionieren. Außerhalb der genannten Region, etwa in der Eifel, treffen diese Wendungen deshalb eher auf Erstaunen, wie ein - sicherlich nicht repräsentativer - Quercheck ergab.

In den rheinischen und westfälischen Mundarten ist das reflexive „sein" in dieser Verwendung allerdings auch nicht häufig zu finden. Im Rheinischen Wörterbuch ist nur der Satz Et es sich flök jestorve belegt. Darüber hinaus gibt es hier zwar ähnliche Formen wie wat is dir (was hast du) und wat is mi dat doch för en Doon (was ist das für ein Verhalten), wat woer et dich (was meinst du) und dannes et der jät, aber die taugen kaum als Erklärung für die vielen modernen Wendungen in der Umgangssprache. Auch die „rheinische Verlaufsform" weist in Verbindung mit reflexiven Verben gewisse Ähnlichkeiten auf: no es et sich ävel an’t knuddele, dä es sich maar emmer an’t räste oder die Borschte sent sich an’t renge, die sich auch in der Umgangssprache wieder finden: Dat hat nen dollen Sonnenbrand, dat is sich schon tarelang am pellen. Dat Tina, dat is sich der janze Abend einen am jiffele (grinsen, ulken). Et is mich am jucken! (aus dem Mitmachwörterbuch), aber ob man auf Grund dieser Belege die alltagssprachlichen Sein-Reflexive als Analogiebildungen deuten sollte, ist mehr als fraglich. So bliebe in diesem Fall der interessante Befund, dass im aktuellen Regiolekt des Rheinlands und Ruhrgebiets ein grammatikalisches Phänomen zu beobachten ist, das von der Standardsprache abweicht, kaum dialektbasiert und dennoch regional markiert ist.

Neben diesen Gruppen gibt es in der rheinischen Umgangssprache noch eine ganze Reihe weiterer Verben, deren reflexive Verwendung eher ungewöhnlich ist:Wenne nich mitkomms, mach ich mich alleine dahin. sich vom Acker machen. Der macht sich nix aus Kartoffeln (etwas nicht mögen). Der macht sich aber. Sich einen Kopp machen. Wat der sich alles gibt, dat is nicht zum aushalten (sich zumuten). Böttel dich nich inne Nase. Der freut sich ein Bein ab. sich etwas durch die Rippen schwitzen können. Die kicken sich einen zurecht. Ich mach mich ein (vor lachen). Der malt sich einen. Wie schreibt der sich? Der spielt sich den ganzen Tach anne Klötze. (nichts tun). Der fährt sich vielleicht ne Naht zusammen, so macht der nie den Führerschein. Ich könnt mich wechschreien, wenn der seine Dönekes erzählt. (heftig lachen). Die ham sich getraut (geheiratet). Wat haben die sich gefragt? (verlangen) Der packt sich für gar nix. Ich wusst nich, wo ich mich lassen sollt. Da deut sich nix. (tut sich nichts). Ich schmeiß mich wech. Die kriegen sich inne Wolle. Es is zwar eklich kalt draußen, aber da pack ich mich nich für.

Die „harmlosesten" Wendungen sind hier sicherlich noch die verschiedenen Bedeutungsvarianten des reflexiven „machen", die es als allgemein umgangssprachliche Belege auch schon in das Duden-Universalwörterbuch geschafft haben, so „gedeihen, entwickeln" (Der Jung macht sich ganz ordentlich inne Schule), „sich entfernen" (Der macht sich vom Acker) oder „nicht mögen" (Die macht sich nix aus dem). Die rheinische Umgangssprache kennt allerdings noch eine ganze Reihe anderer Varianten, wobei sie sich hier aus dem großen Fundus der rheinischen Dialekte bedienen kann, die so schöne Wendungen kennen wie:Watmäste dich op Fastelovend? Ich mache mich ne Rude Funk(verkleiden). Ichkomm, wänn et sich mäkt (sich ergeben), No maak mich jen Stöcker, Der macht sech schmal (wegschleichen), Der macht sich de Mann bei dem (sich einschmeicheln).

Überhaupt sind die Mundarten im Rheinland genau so wie die Umgangssprache viel flexibler beim reflexiven Gebrauch von Verben. Hier sind deutliche Unterschiede zwischen Standardsprache und Dialekt zu erkennen. So erklärt sich auch, analog zu den Verben „beten" und „beichten", der Satz die ham sich getraut, denn sowohl „trauen" als auch „heiraten" werden im zentralen Rheinland und am Niederrhein meist reflexiv verwendet: He hirod sech bal sagt man hier, wenn ein Mann zu heiraten gedenkt. Auch das Beispiel Wie schreibt der sich? findet hier seine Erklärung, denn am Niederrhein und im Bergischen Land würde man die Plagiate des ehemaligen Verteidigungsministers mit he hät et sich net selver geschrieve kommentieren. Die Frage selbst geht dabei auf die alte und heute nicht mehr notwendige Unterscheidung zwischen standesamtlichem und Hausnamen zurück. Wie schreibt der sich fragt also eigentlich nach dem offiziellen im Gegensatz zu dem im Dorf gebräuchlichen Namen.

Andere Verben, die in den rheinischen Dialekten – auch – reflexiv gebraucht werden, sind „heißen" (dat heet sich nix das bedeutet nichts), „schlafen" (sich fett schlafen), „lernen" (dä hät sech de Bibel net geliehrt), „baden" (Gehste met dech bade? schwimmen gehen), „üben" (in verschiedene Bedeutungen, z.B. der öf sich jet prahlen oder „ablegen" (leg dech af! den Mantel oder Hut ablegen). Ob das letztere der Ursprung der häufig zu hörenden umgangssprachlichen Floskel Wo kann ich mich aufhängen? (wo kann ich meine Jacke hinhängen) ist, kann nur vermutet werden.

Ebenso Spekulation bleibt, ob die rheinischen und westfälischen Dialekte die Blaupause für den Umgang der regionalen Umgangssprache mit den nicht standardkonformen reflexiven Verben abgegeben haben. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings recht groß. Wenn auch nicht alle dieser reflexiv gebrauchten Verben direkte Entlehnungen aus den Mundarten sind, so ist doch sicher die relative Freiheit des Dialekts beim reflexiven Gebrauch von Verben aller Art ein wichtiges Movens. Oder anders herum: Ohne die Mundarten wäre der oft spielerische und immer wieder erfinderische Umgang der Umgangssprache mit den hier beschriebenen „Reflexivierungen" nicht denkbar.

Ist dieser auffallende Gebrauch reflexiver Verben nun eine typisch rheinische Erscheinung, wie es in Wikipedia und Internetforen behauptet wird? Auch die Antwort auf diese Frage bleibt gezwungenermaßen Spekulation. Das allein schon deshalb, weil das Rheinische Mitmachwörterbuch bislang die einzige Dokumentation einer regionalen Umgangssprache ist, der notwendige Vergleich also nicht möglich ist. Aber auch hier sprechen zumindest die Ergebnisse der Google-Abfragen dafür. Wenn die sprachgeographische Umgebung überhaupt einmal zu erkennen ist, dann sind viele Nutzer der oben gelisteten reflexiv gebrauchten Verben ziemlich eindeutig dem rheinischen Raum zuzuordnen. Das korrespondiert auch mit dem Sprachgefühl der „Kritiker" im Netz, die den als falsch empfundenen Gebrauch als rheinisch oder ruhrpöttisch verorten und teilweise sogar pauschal verurteilen: „Was unter partiellen Analphabeten nördlich der Benrath-Linie üblich ist, ist auch noch lange nicht richtig."

Allerdings verkennen solche Urteile dann doch, dass vom Standard abweichende Reflexive keine isolierte Erscheinungen der rheinischen Alltagssprache sind. Auch in der bairischen oder österreichischen Umgangssprache kennt man diese Formen durchaus: Eshat sich grad so ausgegangen oder es geht sich noch aus, dass wir den Zug erreichen sagt man z.B. dort, wenn etwas gerade noch gereicht hat, die bairische Wendung do feit si nix für „da fehlt nichts" ist sogar weit über die Landesgrenzen des Freistaats hinaus bekannt, und wenn eine bairische Mutter über ihren Sprössling sagt Der Bub spielt sich (der Junge spielt für sich allein), wird sie eine Kölnerin mit Sicherheit missverstehen, denn in der Domstadt ist Spill dich nit die mütterliche Aufforderung, irgendeinen kindlichen Unsinn sein zu lassen.

Man findet sie also überall. Die reflexive Verwendung von Verben, die im Standarddeutschen intransitiv sind, ist ein Merkmal der Umgangssprachen. Oft geht dieser Gebrauch auf die regionalen Dialekte zurück, z.T. entwickeln die Regiolekte auch völlig neue, bis dahin unübliche Verwendungsweisen, die die alten mundartlichen Traditionen sprachspielerisch weiter entwickeln. Um diesen Prozess beobachten und einschätzen zu können, wären weitere regionale Dokumentationsprojekte wie das Rheinische Mitmachwörterbuch von großem Nutzen. Und alle Leser und Leserinnen sind hiermit aufgefordert, weitere Belege an das Online-Wörterbuch des ILR zu melden. Damit hat es sich nun erstmal mit den reflexiven Verben.

Literatur:

Ackermann, Herbert: Grefrather Mundartwörterbuch. Krefeld 2003.

Daunoriené, Justina: Zwischen Relfexiv und Passiv. Zwei ausgewählte Reflexive Konstruktionen des Deutschen, Vilnius 2008.

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, 33 Bände, Nachdruck München 1984.

Duden. Deutsches Universalwörterbuch, 6. überarbeitete und erweiterte Auflage, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2006.

Duden. Die Grammatik, 7. völlig neu erarbeitete und erweiterte Auflage, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2005.

Frankfurter Wörterbuch. Aufgrund des von Johann Oppel (1815-1894) und Hans Ludwig Rauh (1892-1945) gesammelten Materials hrsg. in Verbindung mit der Frankfurter Historischen Kommission von Wolfgang Brückner. Frankfurt a. M. 1971-1985.

Pfälzisches Wörterbuch. Begründet von Ernst Christmann, fortgeführt von Julius Krämer, bearb. von Rudolf Post, 1965-1997.

Piirainen, Elisabeth/Elling, Wilhelm: Wörterbuch der westmünsterländischen Mundart. Hrsg. vom Heimatverein Vreden unter Mitarbeit zahlreicher Gewährsleute (= Beiträge des Heimatvereins Vreden zur Landes- und Volkskunde 40). Vreden 1992.

Rheinisches Mitmachwörterbuch. Interaktive Wörterbuchdatenbank zum rheinischen Regiolekt, betrieben vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Redakteur Peter Honnen: http://www.mitmachwoerterbuch.lvr.de/

Rheinisches Wörterbuch. Im Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften […] hrsg. und bearb. von Josef Müller u.a. Bonn/Berlin 1928-1971.

Wrede, Adam: Neuer kölnischer Sprachschatz. 3 Bände, mit Anhang Altkölnisch - Kölnisch-Ripuarisch – Suchhilfe, 7. Auflage Köln 1978.

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